Es war ein Dienstagabend, als das ALPHAWEZEN zu mir kam.
Ich betrat gerade die Wohnung, legte eine CD ein und schaute aus dem Fenster, als ich irgendwo Wasser plätschern hörte. Ich schaute im Badezimmer und der Küche nach, doch die Quelle dieses Geräusches schien aus dem Wohnzimmer zu kommen. In dem Moment, in dem ich es wieder betrat, wandelte sich das Plätschern in ein akustisches Schimmern und ein sanfter Groove setzte ein. Das ALPHAWEZEN war da, erfüllte den Raum mit seinen Nebeln aus Klängen, und wie es in meine Wohnung gekommen war, war mir ein Rätsel. Merkwürdigerweise beschäftigte mich diese Frage nur den Hauch einer Sekunde - dann fing es an zu singen. Mit der Stimme eines Mädchens namens Asu, die mir ihre Träume ins Ohr hauchte und die Realität, in der ich mich vor wenigen Minuten noch befand, vollkommen auflöste und statt dessen eine akustische Parallelwelt öffnete, in der plötzlich hörbar war, was sonst in der Lautlosigkeit verborgen blieb: das Schlagen meines Herzens, das Gefühl von Verlorenheit in einer Welt ohne Stillstand, das Kitzeln von Sonnenstrahlen auf der Seele, die Atembewegung der Stille.
 
Im Laufe seiner Anwesenheit verwandelte sich das ALPHAWEZEN mehrfach, veränderte die Frequenz seiner Schwingungen, die Stimmlage und die Stimmungslage. Elf fließende Metamorphosen, die mich jedes Mal in einen neuen, imaginären Raum seiner Parallelwelt entführten. Neue Farben, andere Muster. Ein schillernder Reigen aus Geheimnissen. Danach verließ mich das ALPHAWEZEN und beendete den "Nachmittag des Mikrofons" ("L'après-midi d'un microphone") mit einem beängstigten, galligen Aufschrei, und bevor ich es festhalten und trösten konnte, glitt es zurück in seinen digitalen Cocon und entschwand. Seitdem ertappe ich mich immer wieder dabei, wie ich im Dunkeln die Wohnungstür öffne und kurz warte, in der Hoffnung, das ALPHAWEZEN schlüpft wieder herein und entführt mich dorthin, wo die Gesetze des Alltags keine Wirkung haben...

© svs, Frankfurter Rundschau